Willkommen am Achter Tisch

Bevor wir loslegen: Das ist die erste Ausgabe von Achter Tisch — einem wöchentlichen Newsletter mit strukturierten Aktien-Analysen für DACH-Privatanleger. Kein "Top-Tipp der Woche", keine Hype-Empfehlungen. Stattdessen: ein klarer methodischer Rahmen, kritisch im Ton, mit offenen Schwellenwerten und einer Pflicht-Selbstprüfung.

Der Name kommt aus dem Bewertungs-System: An den Tisch kommen nur Aktien, die im 10-Punkte-Score mindestens 8 von 10 erreichen. Wenn keine das schafft, gibt es in der Woche keinen Pick. Lieber kein Tisch als ein wackeliger.

Die Methodik ist vollständig öffentlich als Open-Source-Tool auf GitHub. Jeder kann nachvollziehen, wie ich zu meinen Bewertungen komme — du zahlst hier nicht für Geheim-Tipps, sondern für meine Zeit, meine Kuration und meine Disziplin.

Doch um zu zeigen, was die Methodik leistet, beginne ich nicht mit einem aktuellen Pick. Stattdessen mit dem Lehrstück deutscher Bilanzgeschichte: Wirecard.

Die Frage

Hätte mein 2026 entwickeltes Bewertungs-System Wirecard mit den am 15. März 2020 öffentlich verfügbaren Daten als 🔴 markiert — drei Monate vor der Pleite?

Diese Frage ist methodisch heikel. Wir kennen heute die Antwort (Insolvenz, Bilanzfälschung, 1,9 Mrd. € Cash existierten nicht). Ein Bestätigungs-Bias liegt in der Luft. Trotzdem ist die Frage wichtig — denn wenn das System mit damaligen Daten kein klares Warnsignal gegeben hätte, wäre es im echten Live-Einsatz wertlos.

Hier ist das Ergebnis.

Das Ergebnis im Überblick

Kennzahl

Wert

Score

3 / 10

Ampel

🔴 Rot

Empfohlene Entscheidung

Zu riskant — vermeiden

Aktivierte Red Flags

18 von ~22 möglichen

Vergleichswert normales Unternehmen

2–5 Red Flags

Aktienkurs zum Analysezeitpunkt

~€106

Aktienkurs 100 Tage später

€0,75

→ Methodisch klares Vermeiden-Signal. Drei Monate, bevor die Aktie wertlos wurde.

Drei Red Flags, die jeder hätte sehen können

Ich greife drei der 18 Triggers heraus, die jeder Privatanleger am 15. März 2020 mit öffentlich verfügbaren Daten hätte sehen können:

1. Goodwill-Anteil am Eigenkapital: 75% — klares 🔴

Goodwill ist der Bilanzansatz, der bei Akquisitionen entsteht. Wenn ein Unternehmen mehr für eine Akquisition zahlt als der "innere Wert" der Übernahme ist, wird die Differenz als Goodwill aktiviert. Bei Wirecard betrug Goodwill 75% des gesamten Eigenkapitals — das heißt: drei Viertel der Substanz waren nicht greifbare Werte, sondern Bilanz-Konstrukt aus Übernahmen.

Mein Schwellenwert: Goodwill / EK > 60% = 🔴. Wirecard war deutlich darüber. Bei einem Impairment (Wertberichtigung) wäre die Bilanz sofort kollabiert.

2. BaFin-Short-Selling-Verbot — extrem ungewöhnlich

Am 18. Februar 2019 verhängte die BaFin ein Verbot, Wirecard-Aktien short zu verkaufen — eine Maßnahme, die zuvor noch nie auf einen einzelnen DAX-Wert angewendet wurde. Normalerweise greift man sowas bei systemischen Krisen.

Das ist kein Beruhigungssignal. Es ist eine Umkehrung des Untersuchungsfokus: Statt zu fragen "Sind die Vorwürfe gegen Wirecard berechtigt?", wurde gefragt "Wer profitiert von fallenden Kursen?". In der Bilanzbetrugs-Geschichte (Enron, Steinhoff, Tesco) ist genau das ein Muster: Aufmerksamkeit weg von der Substanz, hin zur Methode der Kritiker.

3. Cash auf Treuhand-Konten in Manila — 1,9 Mrd. € unverifizierbar

Wirecard berichtete €2,4 Mrd. Cash auf der Bilanz — davon 1,9 Mrd. € auf "Trust Accounts" bei BDO Unibank und BPI auf den Philippinen. Diese Konten waren der zentrale Beleg, dass das Geschäftsmodell solide finanziert ist.

Bei der Wirtschaftsprüfung durch EY wurde dieser Cash-Bestand jedes Jahr akzeptiert. Aber die Verifikations-Kette war fragil: EY ließ sich Bestätigungen von einem Treuhänder geben, der wiederum die Banken kontaktiert haben sollte. Niemand hat je direkt mit den Banken verifiziert.

Im Juni 2020 stellte sich heraus: das Geld existierte nicht.

Was das für deine Entscheidung heißt

Wenn du im Frühjahr 2020 in Wirecard investiert warst, hattest du drei Möglichkeiten:

  1. Den FT-Berichten und Whistleblowern vertrauen und aussteigen — du hättest €106 pro Aktie gerettet

  2. Den BaFin-Aussagen vertrauen und drinbleiben — du hättest 99,3% verloren

  3. Methodisch analysieren — du wärst zur gleichen Schlussfolgerung wie Option 1 gekommen, aber aus systematischen Gründen, nicht aus Bauchgefühl

Genau das letzte ist der Wert eines strukturierten Bewertungs-Systems: Es schützt dich vor den "Made in Germany", "DAX-Wert ist sicher" und "FT betreibt Anti-Deutschland-Kampagne"-Heuristiken, die viele Privatanleger 2020 in den Verlust geführt haben.

Eine wichtige Selbstkritik (Red-Team-Schritt)

Ich kenne den Ausgang. Auch wenn ich strikt nur Daten verwendet habe, die bis zum 15.03.2020 öffentlich waren, ist meine Auswahl der relevanten Indikatoren vom heutigen Wissen geprägt. Ein echter Analyst zur damaligen Zeit hätte vielleicht das EY-Testat höher gewichtet — und wäre zu einer anderen Schlussfolgerung gekommen.

Diese Analyse ist deshalb kein Beweis "ich hätte Wirecard erkannt", sondern eine Demonstration der Methodik: Die im System hinterlegten Schwellenwerte und Red-Flag-Kataloge hätten mit damals öffentlich verfügbaren Informationen ein angemessenes Warn-Signal erzeugt.

Diese Ehrlichkeit ist mir wichtig. Wer einen Newsletter mit "Ich hatte schon immer recht!"-Geschichten verkauft, lügt früher oder später. Ich versuche, das nicht zu tun.

Methodik-Transparenz

Die komplette Analyse mit allen Daten, Quellen und Berechnungen ist öffentlich verfügbar:

Detail-Risiken (Kerndokument): 07-risks-and-red-flags.md

Jede Zahl, jede Schwelle, jede Methodik ist nachprüfbar. Wenn du Schwachstellen findest, schreib mir — ich verbessere das System.

Was nächste Woche kommt

Nächste Woche: eine aktuelle Analyse. Eine deutsche Aktie, die nach dem gleichen System bewertet wird wie Wirecard damals — und schauen, was das Ergebnis ist. Wenn der Score 8+ ist, sage ich es klar. Wenn nicht, auch.

Wenn du dabei sein möchtest: hier abonnieren (kostenlos) → achtertisch.de

Disclaimer

Diese Analyse ist keine Anlageberatung. Sie dient ausschließlich der Information und Diskussion. Investitionsentscheidungen liegen in deiner eigenen Verantwortung — und sollten auf eigener Recherche und gegebenenfalls professioneller Beratung beruhen. Vergangene Wertentwicklung ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse. Aktien können stark schwanken und einen Totalverlust verursachen.

Der Autor hält keine Position in Wirecard (Insolvenzmasse) zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Veröffentlicht im Rahmen von Achter Tisch — wöchentliche Aktien-Analysen für den DACH-Raum.

Wenn dir der Newsletter weiterhilft: leite ihn an Freunde weiter oder antworte auf diese Mail mit Feedback. Beides macht Achter Tisch besser.

Keep Reading